Fridolins heimliche Ehe

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Fridolins heimliche Ehe von Adolf Wilbrandt ist wahrscheinlich der erste "schwule" Roman der deutschsprachigen Literatur und jedenfalls der erste schwule Roman mit Happy End. Er wurde 1875 publiziert, stellt kein Meisterwerk dar und ähnelt stilistisch oft der Nacherzählung einer Boulvardtheateraufführung.

Die US-Amerikanerin Clara Bell übersetzte den Roman 1884 und er wird dadurch auch das erste literarische Dokument mannmännlicher Liebe in Amerika.

Handlung

Zu einer ausgewählten Gruppe von Studenten unterhält Fridolin, ein Professor für Kunstgeschichte in Berlin, sehr enge Beziehungen. Er tritt als Mentor auf und unterrichtet sie sowohl akademisch als auch fürs Leben. Sein Favorit, der ehemalige Student Leopold, besucht ihn in dessen Wohnung und legt sich gleich auf Fridolins Bett.

Als Ottilie, die Nichte der Haushälterin, eintrifft verlieben sich fast alle männlichen Figuren des Romans in sie. So auch Fridolin. Dieser thematisiert zuvor in einem Gespräch mit Leopold die Halbherzigkeit seiner Liebe zu Frauen. Da in ihm "zwei Seelen", eine weibliche und eine männliche wohnen, könne er nie ganz lieben und macht Leopold mit der Existenz der "Mannweiber" und "Weibmänner" bekannt, die oft in "heimlicher Ehe" mit sich selbst leben.

"Die daher ihre Ergänzung - da ja jedes Geschlecht nach seiner geistigen Ergänzung strebt - sowohl nach rechts als nach links, sowohl beim Manne als beim Weibe suchen; deren seelische Magnetnadel bald nach dem Nordpol der Männlichkeit, bald nach dem Südpol des Weiblichen zeigt. Die man (Fridolin seufzte) - die man leider tragische Erscheinungen nennen muß: denn sie suchen ihre Ergänzung, aber sie finden sie nicht. Suchen Sie den Mann? Nur die weibliche Hälfte ihrer Seele sucht den Mann. Die andere Hälfte nicht; sie hat den Mann in sich selbst. Suchen Sie die Frau? Nur diese andere Hälfte ihrer Seele sucht nach der Frau. Sie können sich nicht ergänzen, denn sie sind schon ergänzt. Sie sind mit sich selbst verheiratet. Sie leben mit sich selbst in einer heimlichen Ehe."[1]

Ein Konkurrent Fridolins entführt auf einer Italienreise Ottilie nach Leipzig. Ihr Bruder Ferdinand kommt auf der Suche nach seiner verlorenen Schwester zu Fridolin, welcher sich sogleich in ihn verliebt. Nach einigen Verwirrungen reisen die beiden gemeinsam mit Leopold und den Studenten nach Leipzig, wo sie Ottilie befreien.

Leopold erzählt Ottilie von Fridolins Problem mit der "heimlichen Ehe" und dann küssen sich die beiden zum ersten Mal. Ferdinand akzeptiert Fridolins Einladung, in seinem Haus zu leben und sein Schüler zu werden. Beide Paare sind glücklich.

Über den Roman

Wilbrandt widmete den Roman dem wiener k.k. Hofburgschauspieler Hermann Schöne, welchen er wahrscheinlich von dort kannte. Über die Beziehung der beiden ist leider nichts bekannt.

Im Vorwort zur Dramatisierung distanziert sich Wilbrandt scharf von der schwulen Interpretation des Romansstoffs, erklärt aber auch nicht wie es auf Fridolins Südpol der Weiblichkeit aussah, nachdem Ferdinand in sein Haus gezogen war.

Die Vorlage für die Figur des bisexuellen Fridolin stellt der ebenfalls aus Rostock stammende Kunsthistoriker Friedrich Eggers dar, welcher gemeinsam mit Wilbrandt nach Wien kam. In seiner Autobiographischen Schrift Von Zwanzig bis Dreißig schreibt deren gemeinsamer Freund Theodor Fontane, dass Wilbrandt in seiner „reizenden Geschichte“ Eggers' „frei nach dem Leben gezeichnet“ hätte. Auch über Eggers' Vorlieben ist nichts näheres bekannt.

In den meisten Werken bis zu dieser Zeit ist die typische Perspektive einer homosexuellen Figur der Verzicht, die Sublimierung der Gefühle in eine Nutzbarmachung für die bürgerliche Gesellschaft oder eine Unterdückung der unmännlichen Züge, was häufig in einer Vernunftheirat endet. Wilbrandts Roman zeigt erstmals eine Perspektive für eine Beziehung zweier Männer, läßt den bisexuellen Helden vergleichsweise selbstbewusst erscheinen und baut überdies die Thesen von Karl Heinrich Ulrichs argumentativ in die Erzählung ein.[2]

Quellen

  1. Zit. n. Klaus Müller: Aber in meinem Herzen sprach eine Stimme so laut. Homosexuelle Autobiographien und medizinische Pathographien im neunzehnten Jahrhundert., Männerschwarmskript, Köln 1988, ISBN 3-921495-20-2 S. 275
  2. Wolf Borchers: Männliche Homosexualität in der Dramatik der Weimarer Republik (PDF), Juli 2001 - Dissertation an der Universität zu Köln - Philosophische Fakultät
  • Andreas Brunner, Hannes Sulzenbacher: Schwules Wien, Reiseführer durch die Donaumetropole, Promedia, Wien 1998, ISBN 3-85371-131-6, S. 40 f.
  • Roland Berbig: „Ich bedaure dann, daß [...] ich Euch nicht genug sein kann“ - Friedrich Eggers - Kunsthistoriker, Redakteur, Vereinsgründer und ein schwieriger Freund Theodor Fontanes, Berliner LeseZeichen, Ausgabe 06+07/2000, Edition Luisenstadt, ISSN 0945-0106