Rudolf Brazda

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Rudolf Brazda (* zw. Jänner und März 1913 in Brossen, damals Kreis Zeitz, heute ein Stadtteil von Meuselwitz, † 3.8.2011) ist 2008 der letzte bekannte Überlebende des KZ Buchenwald der den Rosa Winkel trug.

Rudolf Brazda im Juni 2008 bei der Einweihung des Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen

Seine Eltern waren tschechischer Herkunft und aus dem damaligen Österreich-Ungarn nach Sachsen eingewandert. Nach seiner Geburt in Brossen wuchs er in Meuselwitz auf. Seinen Berufswunsch, eine Lehre als Schaufensterdekorateur, wird ihm nicht erfüllt, da man ihm die Lehrstelle wegen fehlender deutscher Staatsbürgerschaft nicht gibt. So absolvierte er eine Lehre als Dachdecker. 1933, als die Nationalsozialisten die Macht übernehmen ist Rudolf nicht einmal 20 Jahre alt und hatte gerade seine Homosexualität entdeckt. In Leipzig ginge er auf Bälle und Tanzveranstaltungen und in Meuselwitz lernte er seinen ersten Freund kennen. Der blonde Werner wohnte bei einer Zeugin Jehovas zur Untermiete, bei der auch Rudolf bald einzig. Die streng religiöse Dame hat nichts gegen diese Liaison und überließ ihnen sogar ihr Schlafzimmer.

Aus unbekannten Gründen wurde Rudolf Brazda verhaftet und nach § 175 in der Fassung vor 1935 angeklagt. Der Prozess in Altenburg erregte Aufmerksamkeit und nach seiner Erinnerung lautete eine Überschrift in einer Meuselwitzer Zeitung: "Sie lebten zusammen wie Mann und Frau". Bei der Staatsanwaltschaft erzählte er freimütig über ihr Zusammenleben und auch dass er sich nicht dafür schäme. Viel mehr als die Zeitung konnte ihm die Staatsanwaltschaft nicht vorwerfen und trotzdem in der damals geltenden Fassung eigentlich nur "widernatürliche Unzucht", sprich Analverkehr oder Schenkelverkehr, strafbar waren, wurde er zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Seine Mutter hält zu ihm und empfängt ihn bei der Entlassung aus dem Gefängnis. Ihr einziger Kommentar war: "Bitte gib mir nicht die Schuld daran, dass du so geworden bist." Rudolf Brazdas Existenz war durch den Gefängnisaufenthalt vernichtet und die deutschen Behörden schoben ihn als vorbestraften "Ausländer" in die Tschechoslowakei ab, ein Land dessen Sprache er nicht sprach und welches er zuvor noch nie sah.

Brazda zog nach Karlsbad und fand dort einen neuen Freund. Toni hatte Kontakt zur Theatergruppe "Fischli-Bühne" mit welcher Brazda schließlich drei Jahre durchs Sudentenland zog. Er schauspielerte, tanzte, trat in Operetten auf, und in einer Nummer imitierte er Josephine Baker. Im Oktober 1938 wurde das Sudetenland annektiert und zuerst wurden die jüdischen Mitglieder der Theatergruppe verhaftet. Etwas später traf es auch ihn und nach einiger Zeit ohne Prozess im Gefängnis von Eger (tschechisch Cheb) ging er 1941 auf "Transport".

Am 30. März 1941 kam Brazda im KZ Buchenwald an, wo ihn die SS-Männer in einen Bottich mit Desinfektionsmittel tauchten. Rückblickend meint er, dass ihm das nichts ausgemacht habe, im Gegensatz zum hereunterreissen eines goldenen Kettchens mit Kreuz, einem Geschenk seines Freundes. Als Kennzeichnung bekam er einen Rosa Winkel mit einem "T" für Tscheche. Anfangs musste er wie die meisten Homosexuellen mit der Strafkompanie im Steinbruch arbeiten. Bald jedoch hatte er Glück zu einer leichteren Arbeit, in einem kleinen Verschlag der als Verbandsraum für die verletzten diente, eingeteilt zu werden. Etwas später wurde er als Dachdecker in ein Baukommando überstellt, wo wesentlich bessere Arbeitsbedingungen herrschten. Dort nahm sich ein kommunistischer Kapo seiner an und es entwickelte sich eine Liebesbeziehung die ihm das Leben rettete. Darunter ist ihm ein Ereignis in besonderer Erinnerung, als jemand von draußen in die Baracke rief: "Was ist das für ein Kommando?" und er zurückrief, dass dies doch auf der Türe stehe. Daraufhin stürzte ein SS-Mann in die Baracke, versetze ihm einen Tritt und schlug mit der Faust in sein Gesicht, so daß er dabei drei Zähne verlor. Zusätzlich ordnete der SS-Mann an, dass er am nächsten Tag abgeholt und per Genickschuss getötet werden solle. Als Brazda dies seinem Kapo erzählte setzte sich dieser beim Lagerkommandanten mit der Begründung, dass Brazda eine wichtige Arbeitskraft sei, die er nicht entbehren könne, für ihn ein. Er bekam auch das schlimmere tägliche Leid der anderen mit. Als die amerikanischen Streitkräfte im Frühjahr 1945 auf Buchenwald vorrückten evakuierten die Nationalsozialisten das Lager. Anfang April wurden 28.000 Häftlinge auf lange Märsche in andere Lager geschickt, wobei die Hälte dabei ums Leben kommt. Mit Hilfe eines Kapos konnte sich Brazda unterwegs in einem Schweinestall verstecken bis die Amerikaner am 11. April 1945 das Lager befreiten.

Nach der Befreiung ging Brazda mit einem anderen ehemaligen Häftling in dessen Heimat nach Süddeutschland, wo er als Dachdecker arbeitete und sich ein neues Leben aufbaute. Im Jahre 1947 kommt er mit Eddi, einem Banater Schwaben zusammen, mit dem er bis zu dessen Tod 2002 zusammenlebte. Zusammen zogen sie ins Elsass nach Frankreich, wo Homosexualität nicht unter Strafe stand, während in Deutschland die verschärfte Version erhalten blieb. Barzda lebte bis zu seinem Tod in einem kleinen Häuschen, welches er mit seinem Freund zusammen gebaut hatte. Eine Entschädigung für seine KZ-Haft in Buchenwald hat Rudolf Brazda nie erhalten.

Rudolf Brazda starb 3. August 2011 im Alter von 98 Jahren.

Bei der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen am 27. Mai 2008 war man davon ausgegangen, dass es keinen überlebenden Zeitzeugen mehr gäbe, der aufgrund seiner Homosexualität im Konzentrationslager saß. Aufgrund der Berichterstattung meldete sich die Nichte von Rudolf Brazda beim LSVD und erzählte von ihrem Onkel. Der inzwischen 95jährige Brazda wurde daraufhin nach Berlin eingeladen, wurde am 27. Juni 2008 von Bürgermeister Klaus Wowereit im Rathaus empfangen, und war am Abend bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Geschichte der nationalsozialistischen Homosexuellenverfolgung“ anwesend. Am nächsten Tag nahm er zusammen mit Wowereit an der Gedenkfeier für die homosexuellen NS-Opfer des LSVD und der Stiftung "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" am Mahnmal teil. Am Nachmittag nimmt er dann erstmals in seinem Leben an einer CSD-Parade teil und fährt auf dem Wagen des LSVD mit.


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